Militärischer Faktencheck USA vs. Russland

Ein großes deutsches Boulevardblatt veröffentlichte unlängst einen Fakten-check zur Krise in der Ukraine. Neben einigen wirtschaftlichen Vergleichen, wurden dort auch die Streitkräfte Russlands mit denen der USA, Frankreichs und Großbritanniens verglichen. Dabei wurde die Behauptung aufgestellt, Russland habe gegen diese Streitkräfte keine Chance. Während Russland bloß 800.000 Soldaten aufbieten könne, könnten nur die USA, Frankreich und Großbritannien alleine ca. 1,8 Millionen Mann dagegenstellen. Neben der zahlenmäßigen Überlegenheit, seien die drei Staaten auch was Helikopter und Flugzeuge angehe, den Russen weit überlegen. Einzig bei den Panzern seien die USA, Frankreich und Großbritannien unterlegen. Allerdings, so der Fakten-check weiter, sei jedoch ein Großteil der russischen Panzer schrottreif. Dies mögen auf den ersten Blick beeindruckende Zahlen sein, die eindeutig für die NATO-Staaten sprechen. Schaut man jedoch genauer hin, so ergibt sich ein völlig anderes Bild.

Seit dem Ende des Kalten Krieges wurden massiv Truppen abgebaut

Zwar kommen die USA, Frankreich und Großbritannien tatsächlich auf etwa 1,8 Millionen Soldaten, jedoch vernachlässigt der Fakten-Check, dass bis auf die französischen Truppen, weder die USA, noch Großbritannien mit großen Truppen auf dem Kontinent vertreten sind. Zurzeit beträgt die Truppenstärke der US-Streitkräfte in Europa ca. 40.000 Soldaten, die der britischen Streitkräfte etwa 16.000 Mann. Frankreich hat etwa 225.000 Mann unter Waffen. Damit beträgt die Gesamtzahl der britischen, französischen und US-amerikanischen Truppen, die tatsächlich in Europa vertreten sind, etwa 280.000 Mann. Im Vergleich: Zu Zeiten des Kalten Krieges, hatten alle drei Staaten, damals noch als Besatzungsmächte, allein in Deutschland fast eine halbe Million Soldaten stationiert. Um nicht immer alle Soldaten, die für den Kriegsfall benötigt wurden, in Europa stationieren zu müssen, wurden in speziellen Lagereinrichtungen, Waffen und Munition vorgehalten. Die Soldaten wären im Ernstfall eingeflogen, bzw. eingeschifft und worden und hätten dann direkt in Deutschland ihre Waffen übernommen. Diese Truppenverlegungen wurden in einem jährlichen Manöver, REFORGER (Return Forces to Germany) genannt, geübt. Diese Vorratshaltung existiert heute nicht mehr. Mit dem Ende des Ost-West Konfliktes 1989 hielt man sie schlichtweg für überflüssig. Auch die Truppen wurden, vor allem aus Kostengründen, massiv auf ihre heutige Personalstärke reduziert. So stimmt es zwar, dass USA, Frankreich und Großbritannien in der Summe etwa 1,8 Millionen Soldaten aufbieten könnten. Der Großteil dieser Truppen, müsste samt dem dazugehörigen Gerät erst einmal umständlich aus den USA oder Großbritannien, auf das europäische Festland geschafft werden. Ein logistischer Aufwand, der in einer recht kurzen Zeitspanne kaum zu bewältigen wäre, mal abgesehen von den immensen Kosten, die eine solche Truppenverlegung verursachen würde. Moskaus Truppen sind indes direkt verfügbar und sofort auf einem evtl. Kriegsschauplatz einsetzbar. Zudem liegt das gemeinsame Führungshauptquartier in der weißrussischen Hauptstadt Minsk und damit sehr weit im Westen. Bei einem wie auch immer gearteten militärischen Konflikt zwischen Russland und der NATO, wären Polen und die baltischen Staaten als erste betroffen, direkt dahinter käme dann die Bundesrepublik.

Ein militärischer Konflikt mit Russland würde die NATO völlig unvorbereitet treffen

Die Streitkräfte der NATO mögen zwar technisch überlegen sein; zahlenmäßig sind sie den russischen Truppen weit unterlegen. Viele Armeen darunter auch die Bundeswehr befinden sich in einem Transformationsprozess von einer Wehrpflichtigen-Armee hin zu einer Berufsarmee. Zudem sind ein Großteil der Truppen und des Geräts in den vielfältigen Auslandseinsätzen gebunden.
Ob es zu diesem Szenario kommen könnte, ist zurzeit zwar eher unwahrscheinlich, auszuschließen ist es jedoch nicht und die NATO ist, trotz technischer Überlegenheit, denkbar schlecht darauf vorbereitet.

Aufgrund der sich ständig ändernden Situation in der Ukraine, stellen die veröffentlichten Artikel immer nur eine Momentaufnahme dar. Ich arbeite daran, die Artikel so aktuell wie möglich zu halten. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

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